Archiv der Kategorie: Ethnologie

Heimat in der Zukunft – Beheimatungin der Fremde

Heimat als Prozess

Heimat aus der Zukunft, in der Fremde

Ich möchte im Folgenden den Versuch unternehmen, einen Vortrag von Bodo von Plato in meinen Gedankengängen gespiegelt wiederzugeben. Denn ich fand es einfach wunderbar, wie er unter dem Titel „Heimatlosigkeit und Beheimatung in einer menschengemachten Welt“ im März hier in Freiburg so wunderbar viele Aspekte zusammenbrachte, über die ich im Einzelnen bereits sehr gründlich nachgedacht habe – über manche Dinge schon mehrere Jahre hindurch. Andere angesprochene Aspekte freilich waren auch für mich neu, nicht bloß in ihrer dort dargebotenen Beziehung.

Zunächst möchte ich zwei Begriffe genauer ins Auge fassen: Fremde und Heimat, bevor ich diese dann im Begriff eines Prozesses zusammenführe, der Erkennenden Teilnahme. Ein Ausblick soll diesen Artikel runden.

Heimat

Was ist Heimat für dich?

Liegt sie nicht allzu oft in der Vergangenheit?

Nicht selten ist Heimat doch ein Ort, an dem ich mir Zugehörigkeit durch verstehende Teilnahme erarbeitet habe. Verstehende Teilnahme – das ist hier vielerlei, und darauf möchte ich im Folgenden den Blick richten:

Fremde

Aus einer Angewiesenheit auf Orientierungshilfe – lass uns diesen Zustand „Fremde“ (und auch „Kindheit“) nennen – hat sich Mensch ein ‚verstanden werden‘ erarbeitet. Darin liegt das Erkennen der Andersartigkeit. Das Gefühl der Fremde fordert zum Begreifen und Erkennen der Andersartigkeit auf. Ist dieser Wandlungsprozess der Fremde nicht ein Prozess des ‚sich im anderen fremd fühlen‘ hin zu einem ‚das andere fremd in sich fühlens‘? Also bin es ich, die oder der ausgänglich fremd ist und schließlich wird mir all das Umgebende fremd? Indem wir uns die Umwelt verstehend zu eigen machen, wird sie uns fremd. Von Plato verweist hier auf die zunehmende Technisierung unserer Lebensrealität und den damit einhergehenden Bezugsverlust zur Natur. Doch zunehmend verstehen wir die technischen Hilfen unseres Alltags nicht mehr ja, sind manches Mal froh, wenn wir diese wenigstens bedienen können. Unsere Erkenntnisfähigkeit führt zu einem Fremdheitsgefühl in der Welt. Kraft unseres analytischen Erkennens haben wir uns eine Welt geschaffen, die uns heute fremder erscheint den je.

Aber gibt es auch eine Form der Erkenntnis, die beheimatet?

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Widerstand?

Was ist Widerstand?

Mit dieser einfachen Frage endet das Anmeldeformular für das Ethnologie-Symposium. Eine kleine Aufforderung, doch im Vorfelde der Tagung bereits Gedanken zum Tagungsthema „Widerstand – einfach machen, aber wie?“ zu bewegen. Ich habe einige Tage darüber nachgedacht und die Frage auch vor dem Hintergrund eines Seminars zu „Macht“ bedacht.

Ich möchte mal mit der folgenden Betrachtung beginnen, in Vorfreude auf die Tagung und wohl wissend, dass ich nach der Tagung sicher deutlich mehr zum Thema äußern und vielleicht auch manches anders formulieren kann:

Heraustreten aus der Kraftlosigkeit

Widerstand beginnt für mich im Heraustreten aus dem Momentum der Kraftlosigkeit. Erst in dem Moment, in dem ich heraustrete aus einer gänzlichen Gefügigkeit, gebe ich überhaupt die Chance der Kraftausübung auf mich und beginne ab hier nach dem Gesetze der Physik in Widerstand zu treten, denn keine Kraft kann ohne Gegenkraft bestehen.

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Warum ich Ethnologie studiere

Warum habe ich mich entschieden, Ethnologie zu studieren?
Lass mich mit einem Zitat einleiten, dass ich im Hamburger Museum am Rothenbaum entdeckte und welches Goethes – ach, so grandiosem! – Faust entstammt:

„Der Mensch ist ungleich, ungleich sind die Stunden.“

— Faust II, Vers 5372 (1. Akt, Weitläufiger Saal); es spricht Megära, eine der Furien

Der erste Satzteil

Was macht dieser Spruch in einem ethnologischen Museum? Er stellt jene Grunderkenntnis dar, die mich dazu bewegte, Ethnologie zu studieren. Und eine, die – meines Erachtens nach – jeder Mensch haben sollte, der sich mit anderen Menschen auseinandersetzt.

– Klar, jede*r ahnt es: Da gibt es weibliche und männliche Mitmenschen, größere und kleinere; welche mit blonden Haaren, andere mit dunklen; und da gibt es Mitmenschen mit ganz anderer Hautfarbe. Doch all das sind Äußerlichkeiten. Zwischen all diesen Menschen nun gibt es welche, die sind eher fröhlich, energiegeladen unterwegs und andere, die sind stets durchdacht, etwas langsamer dabei, da gibt es Genießer und Aufbrausende. Doch auch Dinge wie Höflichkeit können sich zwischen Menschen unterscheiden. Für den einen mag es höflich sein, seine Gegenüber mit größtmöglicher Sorgfalt und Aufmerksamkeit zu umsorgen; für den anderen scheint es wichtig, seinem Gegenüber möglichst große Freiheit einzuräumen, also gerade nicht mit Diesem oder Jenem auf ihn oder sie einzudrängen, vielleicht eher diskret eine Vielzahl an möglichen Optionen vorbereitet zu halten oder gar schlicht Impulse seines Gegenüber abzuwarten.

Kultur als Handlungsbasis…

Noch ein Stückchen weiter in dieser Richtung gibt es etwas, was wir unsere „Kultur“ nennen. Sie gibt uns eine Art Basis, auf der wir handeln können. Bildlich vielleicht so eine Art Scheibe, die frei durch den Raum schwebt. Nur wer auf dieser Scheibe steht, kann sich mit den anderen dort unterhalten. Eine Kommunikation zwischen verschiedenen Scheiben ist mit erheblichem Aufwand verbunden (brüllen etwa), Unverständnisse nicht ausgeschlossen. Als abstrakt greifbarer Vergleich soll uns Kants Kategorischer Imperativ dienen: So wie dieser eine ethische Handlungsgrundlage für ein Individuum darstellen mag, so bildet „Kultur“ eine Grundlage für eine ganze Gemeinschaft.

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